Andacht

aus dem Gemeindebrief Okt.-Nov. 2017

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Flüchtling, fern der Heimat, was kann der anderes tun als zu träumen, als zu hoffen?!

So erging es bereits vor 2600 Jahren einem Mann namens Ezechiel. Ein merkwürdiger Name. Und ein merkwürdiger Typ. Einer, der nicht zu denen gehört, die man mag. Er sagt Dinge, die keiner hören will. Ezechiel droht seinen Zeitgenossen mit den Konsequenzen ihres Handels: „Wenn ihr nicht aufhört, dann …!“

 Bis heute sind solche Leute nicht gern gesehen, die Unheils Propheten werden als Schwarzmaler verschrien. „Klimawandel, ach, was erzählst du mir, mein Auto ist im Vergleich zu einem Flugzeug oder einem Kreuzfahrtschiff, völlig zu vernachlässigen!“ – Sich selber rein Waschen am Dreck der anderen ist seit jeher eine beliebte Methode. „Die Großen, die Mächtigen, die da oben, die Beamten, die Manager. Stimmt, wird höchste Zeit, dass die etwas tun!“

Ezechiel hatte seine Zeitgenossen gewarnt, - umsonst. Es folgt eine vernichtende militärische Niederlage, die Zerstörung Jerusalems mitsamt Tempel, sowie die Vertreibung aus dem eigenen Land.

Fern der Heimat im babylonischen Exil (597-539 v.Chr.)  übernimmt Ezechiel nun eine ganz neue Aufgabe. Er ist nicht mehr der penetrante Störer, sondern er entwickelt sich zum Tröster. Er macht den Menschen Hoffnung auf bessere Zeiten. Und, das ist wohl entscheidend, er vertraut darauf, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt. Und noch etwas: auch Gott ist heimatlos, ohne Wohnung, ohne Tempel. Gott und das Volk Israel sitzen wie in einem Boot, unfassbar!

 Ezechiel macht Mut und im Laufe der Jahrzehnte bekommt er sogar Recht.

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und ihr sollt mein Volk sein.

Ezechiel 37,27

Die gute Nachricht: Gott gibt nicht auf, Gott gibt sein Volk nicht auf, Gott gibt niemanden auf! Vielmehr: Gott will unter ihnen wohnen und ihr Gott sein.

Mit anderen Worten: Wer Gott vergisst, muss damit rechnen, nicht von Gott vergessen zu werden. Wer Gott ausziehen lässt, muss damit rechnen, dass er wieder einzieht. Wer Gott nicht sucht, muss damit rechnen, von ihm gefunden zu werden.

Mag ja sein, dass Kirchen und Gemeinden, Konfessionen und Religionen es zur Zeit so schwer haben wie selten zuvor, aber sie sind gut beraten nicht zu sehr in den Abgrund und auf den Boden zu starren. Ezechiel hebt den Blick himmelwärts, oder lenkt ihn zurück in die Geschichte: Gott wird enttäuscht, aber er ist nicht wie ein kleiner beleidigter Junge, der sich abwendet und in den Sack haut.

Gott bleibt sich treu, indem er dem Menschen, trotz dessen Widerwärtigkeiten, treu bleibt. Gott steht in der offenen Tür und wartet!

Er ist sozusagen unbelehrbar in seiner Hinwendung zum Menschen. Obwohl Gott immer wieder enttäuscht wird, bleibt seine Hand hilfreich, steht seine Tür offen.

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und ihr sollt mein Volk sein.

Gottes Liebes – und Willenserklärung sind aber nicht einseitig. Sie sind im Grunde so wunderbar, so einladend, dass es zu Konsequenzen führt, „ihr sollt mein Volk sein“. Gott klärt die Verhältnisse: ich will ihr Gott sein, ihr sollt mein Volk sein.

Gott ist immer ein Gott in Beziehung. Es gibt Gott nur in einem lebendigen Verhältnis mit den Menschen, mit seiner Schöpfung.

Im Oktober feiern wir vielfach Gottes Treue zum Beispiel anlässlich des Erntedankfestes. Im November sehnen wir uns nach ihr in der Trauer um diejenigen, die im letzten Kirchenjahr und darüber hinaus verstorben sind. Im Advent bereiten wir uns darauf vor, dass Gott auf zutiefst menschliche Weise zu uns kommt. Gott kommt zu uns!

Ich bin froh, dass Gott kein launiger, kein willkürlicher, sondern zutiefst verlässlicher Menschensucher und -finder ist. Er kann und will einfach nicht ohne uns sein. Diese Treue bringt Ezechiel auf den Punkt: „Gott spricht:

Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und ihr sollt mein Volk sein.“

Übrigens der Name Ezechiel, auch bekannt als Hesekiel, bedeutet „Gott stärkt“ oder „Gott möge kräftigen“.

In diesem Sinne, mit freundlichen Grüßen auch von  meiner Frau, ihr Pastor Holger Postma.

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